Geliehenes Glückby Murdock Freak
CHALLENGE NOV./DEZ. 03
„Hau hab!“, grummelte Face und zog sich die Decke über den Kopf.
Murdock ließ nicht locker und zog noch einmal an ihr, diesmal stärker.
„Komm schon, Face! Hannibal hat gesagt, dass wir in 10 Minuten unten sein sollen.“
„Hat er schon mal auf die Uhr gesehen? Es ist 1:00 Uhr morgens. Er hat uns gerade mal vor 2 Stunden aus dem Training entlassen! Mir tut jetzt noch alles weh!“
Der Pilot riss so stark an der Decke, dass Face sie loslassen musste.
„Bin ich nicht gut?“
Triumphierend hielt der Captain die dicke Daunendecke in die Luft.
Die Antwort darauf war ein Kissen, dass direkt auf Murdock zu flog.
„Ahh, nein!“ Bevor er die Decke loslassen und ausweichen konnte, knallte es schon in sein Gesicht. Murdock taumelnde nach hinten und fiel schließlich rücklings hin.
„Ich werd Hannibal gleich sagen, dass er mit dir noch eine Extratrainingsstunde für Reaktionsgeschwindigkeit einschieben soll.“
Face, plötzlich gar nicht mehr müde, saß lachend im Schneidersitz auf dem Bett.
Murdock, der schon wieder auf den Beinen war, rannte zum Fenster.
„Was wird das denn?“
„Hehe, das siehst du gleich, Facey“, und ohne weitere Warnung öffnete der Pilot das Fenster.
„Gott, bist du wahnsinnig?“, schrie Face auf, als der eiskalte Wind hereinwehte.
Er sprang vom Bett und angelte sich schnell seine Jacke.
„Ist das eine rhetorische Frage?“
Face schüttelte lachend den Kopf.
„Wenn du was gegen mein Shirt hast, sag’s mir das nächste Mal einfach, okay?“
Murdock musste ebenfalls lachen und nickte nur, als Face sich zu ihm ans Fenster stellte und in die Nacht sah.
Doch plötzlich spürte der Captain, dass die ausgelassene Stimmung einer nachdenklichen Stille wich, die sich über den Raum senkte.
Gemeinsam starrten sie einige Momente schweigend in die Nacht.
„An was denkst du?“, fragte Murdock nach einer Weile vorsichtig.
Face lächelte traurig, und erwiderte:
„Ich dachte nur, dass es damals genauso war.“
„Was war wann genauso?“
Der blonde Mann schien einen Gedanken abzuschütteln.
„Äh, ich meine das Wetter letztes Jahr. Weißt du noch? Der Novemberwind blies kalt durch die Strassen. Du musstest Billy festhalten, sonst hätte es ihn weggeweht. Und...“
„Face,“, unterbrach ihn Murdock leise, aber bestimmt, „wir haben schon Dezember.
Also was hast du wirklich gemeint.“
Das Lächeln des Lieutenants erstarb und er sah geistesabwesend in die Nacht.
„Ja, ich weiß das Dezember ist. Sehr gut sogar. Seit einer Stunde ist der 31. Ich hasse ihn.“
Murdock wartete schweigend.
„Ach, weißt du, Murdock, Silvester vor 16 Jahren stand ich mit Leslie auf einer einsamen Wiese, genau wie diese hier hinterm Haus. Wir sahen gemeinsam in die Sterne und versprachen uns, dass wir auch in allen zukünftigen Jahren zusammen sein würden.“
Der große Faceman, der seine Frauen wechselte, wie Socken, trauerte seit 16 Jahren einer Beziehung nach, dachte Murdock und schüttelte leicht den Kopf.
„Tja, im Sommer darauf war sie weg, einfach so. Und ich stand in der darauffolgenden Silvesternacht allein auf unsrer Wiese. Danach flüchtete ich vor mir selbst und bin in der Armee gelandet. Aber das Letztere weißt du ja. Tja.“
Murdock betrachtete Face nachdenklich von der Seite.
„Diesen Gedanken hattest du seitdem jede Silvesternacht, stimmt’s?“
In den Augen des blonden Mannes spiegelten sich die Sterne.
„Ja.“
Der Captain musste plötzlich an Hannibal denken und ihm fiel die Zeit wieder ein. Sie mussten los, aber er musste auch noch irgendetwas sagen, um seinen Freund wenigstens ein wenig zu trösten.
„Na ja, aber weißt du, Silvester hat in dem Fall auch etwas Gutes.“
Face sah zu Murdock herüber.
„Ach ja?“ Es klang verbittert.
Murdock sah in den Sternhimmel und musste plötzlich an seine eigenen, dunklen Kindtage denken.
„Ja. Das Jahr ist zu Ende. Erlebtes, aber auch Versäumtes sind Vergangenheit und alle Glücksmomente, die ausgeblieben sind, warten vielleicht im nächsten Jahr auf dich. Ich meine, es ist wie eine neue Chance, noch mal von vorn anzufangen.“
Ihm unbewusst, hatte Murdocks Stimme einen feierlichen Klang angenommen und ungewollt schimmerte eine Träne in seinem linkem Auge.
Jetzt war es Face, der Murdock nachdenklich von der Seite betrachtete.
Murdock zwinkerte die Träne weg.
„Ich glaube wir müssen los. Und du hast“, er sah auf seine Uhr, „ja, exakt 1 Minuten und 40 Sekunden, dich fertig zu machen.“
„Was?! Na klasse!“
„Ich geh derweilen runter“, fügte Murdock lachend hinzu.
Aber Face hatte den letzten Satz schon nicht mehr gehört, denn er stürzte durchs Zimmer und suchte seine Schuhe.„Noch Fragen?“, beendete Hannibal seine Ausführungen.
„Ähm, ja hier.“ Face meldete sich wie ein Schüler.
„Ich verstehe noch nicht ganz, warum ich unsere Klientin als älterer Herr prüfen soll. Wieso machst du das nicht, wie sonst auch.
„Tja Lieutenant, das ist ganz einfach. Weil es 1:13 Uhr ist und wenn ich dich fertig verkleidet habe, werde ich mich wieder aufs Ohr hauen. Gibt’s Einwände?“
Face hob die Hand, während B.A. und Murdock nur grinsten.
Der junge Mann sah seine beiden Freunde an.
„Das ist ja wieder so typisch.“
„Überstimmt würd ich sagen“, sagte Hannibal lächelnd und zog an seiner Zigarre.Hastig liefen etliche Leute den Bürgersteig entlang, weil sie eilig nach Hause, in die Wärme des Kaminfeuers wollten. Nur eine Person, ließ sich weder von dem Wind, noch von den eilenden Menschen beeindrucken.
Face, dessen Gesicht durch einen dichten, grauen Bart und eine tief ins Gesicht gezogene Mütze verdeckt war, lehnte an einer Häuserwand und rauchte eine Zigarre.
Doch es schien nur so, als wäre er in dieser kalten Dezembernacht in seinem Element.
„Wie kann Hannibal die Dinger jeden Tag rauchen? Oh man, ich sollte jetzt eigentlich in einem schönen, warmen Bettchen liegen. Gott, ich tu mir so leid“, murmelte er zu sich selbst.
Plötzlich, riss ihn jemand aus den Gedanken, eine Passantin, die sich von der eilenden Menschenmenge abhob.
Seelenruhig betrachtete die junge Frau die Schaufensterauslagen und die davon eilenden Bürger.
Plötzlich, als hätte sie ihr Ziel gefunden, ging die Frau auf einen älteren Mann zu und sprach:
"Hallo, mein Name ist Sandra McOscar. Ich glaube, Sie sind der Mann, auf den ich warten sollte.“ Dabei huschte ein leichtes Lächeln über ihr Gesicht.
Face beobachtete die Szene schweigend. Er wollte noch warten und die Umgebung beobachten, während die junge Frau mit dem Falschen sprach.
„Ich weiß nicht, was sie meinen, junges Fräulein“, hörte er den Alten sagen.
„Dann habe ich Sie verwechselt. Verzeihung.“
Sichtlich enttäuscht ging sie weiter.
Face stieß sich von der Wand ab und lief ihr nach.
Als spürte sie, dass er sie beobachtete, blieb sie stehen und drehte sich um.
„Oh, guten Abend“, sagte sie und hoffte, das sie dieses Mal an den richtigen Mann geraten war.
„Sie haben das verloren“, entgegnete Faceman und hielt ihr ein Taschentuch hin.
„Aber das gehört mir nicht. Ich wollte eigentlich fragen...“
„Nehmen Sie es schon!“, fiel er ihr ins Wort.
Verwirrt nahm sie es aus seiner Hand und wollte eben wieder zum Reden ansetzen, als Face sich umdrehte.
„Aber jetzt warten Sie doch mal!“ Zu spät. Er war schon im nächsten Hauseingang verschwunden.
Irritiert faltete sie das Taschentuch auseinander.
„Ihnen gehört das A-Team. Herzlichen Glückwunsch.“
Einige Sekunden starrte sie auf die Worte, die im Regen begannen zu verwischen.
Endlich verstand sie, was sie gelesen hatte. Eilig lief sie los und folgte Face in den dunklen Hauseingang.Hannibal sah auf die Wanduhr. In weniger als einer Minute war es Mitternacht.
„Tja, bevor wir morgen zum ersten Fall des neuen Jahres aufbrechen, stoßen wir auf das Vergangene an. Wenn ihr mich fragt, war’s ein ziemlich erfolgreiches für uns.“
Die drei jüngeren Männer nickten.
Einen Augenblick später begann draußen eine nahe Kirche die Mitternachtsstunde einzuläuten und schon knallten die ersten Böller.
Murdock sprang von der Couch auf und rief:
„WUFF! Billy wünscht euch ein gutes neues Jahr!”
B.A. zog ihn am Gürtel zurück.
„Hey!“
Während Hannibal und Face lachten, sprang Murdock über die Lehne.
Der Colonel erhob sich, vorauf hin Murdock zurück sprang und wieder zwischen Face und B.A. Platz nahm.
Hannibal hob noch immer grinsend sein Glas.
„Das neue Jahr beginnt, wie das alte aufgehört hat. Und das ist gut so. Auf euch, Jungs.“
Murdock, B.A. und Face sahen sich kurz an. Dann hoben auch sie ihre Gläser und sagten alle drei gleichzeitig: „Auf dich, Hannibal.“
Hannibal lächelte sichtlich gerührt.
„Es ist diesmal ein wirklich beschissenes Timing, aber einer muss losfahren und Sandra abholen“, sagte der Anführer des Teams, während er sich setzte.
„Das mach ich“, erwiderte Faceman sofort.
B.A und Hannibal grinsten, weil sie dachten, zu wissen warum Face die junge Frau abholen wollte.
„Wenn Sie wollen, Lieutenant.“
Aber als Faceman kaum eine Minute später mit den Schlüsseln seiner Corvette in der Hand das Haus verließ, stellte Murdock nachdenklich sein Glas auf den Tisch und stand auf.
„Ich, ähm, muss mal an die frische Luft.“
Um irgendwelchen weiteren Fragen zu entgehen, eilte er schnell zur Tür und verschwand, ehe Hannibal den Mund aufmachen konnte.Murdock zog die Tür hinter sich zu und trat in das dämmrige Licht der Außenbeleuchtung.
In der Ferne waren einige Kinder, die Chinaböller in die Luft jagten.
Als er sich nach links zum Carport drehte, wurde sein Gedanke bestätigt:
Sowohl der Van, als auch die Corvette standen unter der Überdachung.
Er lief zur Rückseite des Haus um das vorzufinden, was er erwartet hatte.
Auf der Wiese sah er den jungen Lieutenant ganz allein in der Dunkelheit stehen.
Zwar verriet ein niedrig gespanntes Stacheldrahtnetz, dass sie heute Nachmittag erst noch hier trainiert hatten, aber jetzt im Mondschein wirkte die Wiese ruhig. Die Art, wie der Mond Face umgab, verlieh ihr zusätzlich ein bedrückendes Gefühl von Einsamkeit.
Murdock zögerte einen Augenblick, ehe er etwas verlegen, mit den Händen in den Hosentaschen, losging.
Face hörte die Schritte und im ersten Moment befahl ihm sein Armeeinstinkt seine Magnum zu ziehen und herumzuwirbeln. Noch einer weiteren Sekunde erkannte er aber die Schritte des Piloten und entschied sich dafür, still stehen zubleiben.
Schweigend trat Murdock neben ihn und gemeinsamen sahen sie eine zeitlang stumm in die klare Silvesternacht.
„Wieder ein Jahr vorbei“, brach Face schließlich die Stille.
„Hmmm, ja.“
„Siehst du, Murdock, ich meine, man denkt man hat alle Zeit der Welt und einen Moment später ist der Sommer um und...“ Faceman schwieg.
„Dann kommt der Herbst.“
„Ja, dann kommt der Herbst. Und was bleibt sind Erinnerungen. Erinnerungen, die jedes Jahr ein Stück mehr verblassen. Aber weißt du was bleibt? Was immer bleibt?“
Face sah hinauf in den Sternenhimmel und mehrmaliges, schnelles Zwinkern verriet seinen Kampf gegen die Tränen.
„Ein müdes Gesicht, Murdock. Das bleibt.“
Der Captain nickte langsam, auf der Suche nach den richtigen Worten. Aber als er überlegte, dachte er, dass es manchmal vielleicht keine richtigen, oder falschen Worte gab.
Deswegen entschied er sich, genau das zu sagen, egal wie ungewöhnlich es war.
„Weißt du, Face. Manchmal gibt es keinen Trost. Und dann müssen Worte keinen Sinn ergeben. Was ich meine, ist: In solchen Momenten ist es egal, was man sagt. Es ist einfach nur wichtig, DAS man etwas sagt. Und...“, Murdock schwieg einen Augenblick. Nicht weil ihm nichts mehr einfiel, sondern weil es wichtig war, kurz die Stille sprechen zu lassen. Er wusste nicht warum, aber es war einfach wichtig.
Face, weiterhin in den Himmel blickend, fragte leise: „Und?“
Murdock löste nach einigen Sekunden seinen Blick vom Firmament und legte seinen Arm um Face’ Schulter.
„Und dass man einfach da ist, Face. Das ist es, was wirklich wichtig ist. Das man einfach da ist.“
Ein winziges Lächeln erschien im Gesicht des blonden Mannes.
„Und du bist da.”
„Ja. Genauso wie die Jungs immer da sein werden.“
Der Captain sah eine einzelne Träne auf Face’ Wange.
Einen Sekundenbruchteil später, bevor er irgendetwas hinzufügen, oder tun konnte, umarmte Face ihn plötzlich.
Schweigend legte Murdock vorsichtig die Hände auf den Rücken seines Freundes.
„Murdock?“
„Ja, Face?“
„Versprich mir, dass du und die Jungs nächstes Silvester auch noch da sein werden.“
„Ja.“ Murdock sah über Face Schulter hinauf in den endlosen Himmel.
„Ja, ich verspreche es dir.“
Wortlos standen sie so auf der weiten Wiese und die Zeit schien bedeutungslos geworden zu sein.
Irgendwann löste sich Face langsam aus der Umarmung, aber sein Gesicht blieb keine handbreit von Murdocks entfernt.
Und während ihre Gesichter sich so nah waren, sah Face Murdock einige Sekunden schweigend an, einfach so.
Dann drehte er sich um und lief mit langsamen Schritten den dunklen Weg zum Haus zurück.
Einfach so, ohne ein weiteres Wort.
Murdock blieb allein auf der einsamen Wiese zurück und sah Face still hinter.
„Und manchmal sind keine Worte nötig“, dachte er und lächelte.
Als er Face im matten Schein des Hauses in seine Corvette einsteigen sah, sagte er:
„Und nach dem Winter kommt der Frühling und er nimmt die Tränen, die du um verlorene Chancen geweint.“
Er lief los, blieb aber nach wenigen Schritten wieder stehen und sah erneut hinauf zu den Sternen.
„Bei all diesen Frauen sucht er nur das Gestern. Aber keine ist so wie du, hörst du, Leslie?“, flüsterte der Pilot in die Leere des Nachthimmels.
„Er weiß, du hast dich entschieden. Er weiß, das es kein Zurück gibt. Er muss verdammt viel vergessen und jede Liaison hilf ihm dabei. Aber dieses Glück hat stets dieses gewisse
Gefühl im Rücken, wie einen Gewehrlauf.
Dieses Gefühl ohne Namen und wenn Face diesen kalten Druck spürt, weiß er, es bleibt immer geliehenes Glück.“
Und während er die Corvette noch auf dem Asphalt hören konnte, ging Murdock, die Hände in den Hosentaschen vergraben, schweigend zum Haus zurück.