Das A-Team


Gedankenspiele by Starbuck

Zusammenfassung: Mitten im Vietnamkrieg trifft Face zum ersten Mal auf Hannibal
Spoilerstand: keine
Status: beendet
Disclaimer: Mir gehören weder die Charaktere vom A-Team noch die Serie und ich möchte mit dieser Story auch kein Geld verdienen.

"Lieutenant!" Der gebrüllte Rangname ließ ihn aus seinen Gedanken aufschrecken. Überrascht sah er auf, blieb aber an seinem Platz am Boden sitzen. Sein Blick haftete an dem Mann, der ihn gerufen hatte, doch seine Gedanken drohten wieder abzudriften. Er wusste, dass er heute seinen freien Tag hatte und das würde ihm auch niemand nehmen können. "Bereiten Sie sich darauf vor, morgen in den Einsatz zu gehen", waren die weiteren Befehle des älteren Mannes. Der Lieutenant nickte, ließ aber ein wenig den Kopf hängen. Erst ein freier Tag, um dann im Sarg zu landen. War es nicht so? Der Colonel hatte ihn schon wieder allein gelassen, als er etwas fragen wollte. Ein Seufzen entfloh dem jungen Mann. Er hasste den ganzen Matsch und Dreck um sich herum. Er hasste den Dschungel. Er hasste das Geräusch, das die Rotoren der Hubschrauber in der Luft verursachten. Er hasste den Schrei, den ein Mensch ausstieß, wenn er von einer Kugel getroffen wurde. Kurzum, er hasste den Krieg. Und doch war er hier. Genau hier. Mittendrin.
Nach einer Special-Forces-Ausbildung war er hierher geschickt worden. Als Scharfschütze. Zuerst hatte er für Colonel Sanderson gearbeitet, doch nachdem dessen Truppe fast vollständig bei einem Einsatz ausgelöscht worden war, hatte man ihn versetzt. Er wusste, dass er niemals würde den Anblick und die Geräuschkulisse aus seinem Gedächtnis verbannen können. Der Schrecken des Krieges. Es war ein merkwürdiges Gefühl, nur einen Meter neben sich einen guten Freund zu verlieren. Nicht, dass er irgendwelche Freunde gehabt hatte in der Einheit. Aber irgendwie gehörten sie doch alle zusammen. Jeder war nur ein Mensch. Und wenn es den Mann neben einem erwischte, dann hieß es, dass es ziemlich knapp war. Alle saßen im selben Boot. Und alle schossen auf den Feind, weil sie am Leben bleiben wollten. Aber es waren auch nur Menschen.
In welcher geistigen Umnachtung hatte er sich eigentlich hierher gemeldet? Seine Gedanken schweiften ab, als er die Rotoren eines Hubschraubers hörte. Dieses Geräusch machte ihn langsam fast wahnsinnig. Ganz am Anfang, als er hergekommen war, war alles so neu und aufregend gewesen. Doch jetzt, nach einem halben Jahr, war es zur nervigen Routine geworden. Und der Lieutenant war einer der wenigen Glücklichen, die es überhaupt so lange lebendig dort ausgehalten hatten. Ein halbes Jahr. Jeder Tag davon war ein Kampf um das eigene Überleben gewesen. Und das würde sich das nächste halbe Jahr nicht ändern. Warum war er noch gleich her gekommen? Richtig, in einem Selbstzerstörungsversuch. Seine Freundin hatte ihn einfach verlassen. Ohne ein Wort. Und deshalb hatte er sich zur Army gemeldet. Mit Sechzehn war er zwar noch zu jung gewesen, aber mit ein wenig Hilfe, hatte er das Alter auf Achtzehn herauf geschummelt bekommen. Alle glaubten, er sei nun Zwanzig. Aber er fühlte sich keineswegs so.
Seine Ausbildung war recht schnell voran geschritten, hatte er doch nichts zu verlieren. Er wollte einfach nur schnell in den Krieg und dort sterben. Doch als ihm die ersten Kugeln um den Kopf geflogen waren, hatte er schlichtweg Glück gehabt. Es war, als wenn alle zum Sterben verdammt waren, nur die nicht, die es wollten und herausforderten. Immer hatte es die Menschen um ihn herum erwischt. War das ein Wink des Schicksals? In seiner unglücklichen Situation? Erst jetzt bemerkte er, dass das laute Geräusch des Hubschraubers erstorben war. Er sah sich um, konnte aber keinen Helikopter entdecken. Wie auch, schließlich saß er in einem der Gräben, die durch das Lager gezogen worden waren. Mit dem Rücken lehnte er am gleichen Dreck, auf dem er saß. Verdammt! Was gab es hier, was ihn nicht in irgendeiner Form nervte? Käfer, Spinnen, Schlangen. Alles war vertreten, wenn man durch den Dschungel robbte. Und dann dieses verflucht schwüle Wetter. Heiß und feucht. Einfach zum Schwitzen.

Das war also ein freier Tag. Ein freier Tag in der grünen Hölle Vietnams. Man saß den ganzen Tag in einem Graben und dachte nach. Nein, das konnte kein Leben sein. Aber schließlich war er Soldat und hatte somit das Los, das ihm zukam. Ein Namenloser in einem irren Krieg ohne wirklichen Sinn. Einer der Vielen, die wahrscheinlich nie nach Hause zurückkehrten. Nach Hause? Hatte er überhaupt ein Zuhause? Nein, seine Eltern waren gestorben, als er fünf gewesen war. Er kannte sie nicht, genauso wenig wie seinen richtigen Namen. Aber was für eine Rolle spielte ein Name in Vietnam? Keine. Manchmal fühlte er sich hier wie auf einem übergroßen Spielplatz und das trug er nach außen auch so zur Schau. Doch innerlich sah seine Welt ganz anders aus. Für die Menschen in dem Camp war er ein ständig gut gelaunter junger Offizier. Immer ein Lächeln parat. Immer einen witzigen Kommentar auf den Lippen. Selbstbewusst. Hilfsbereit. Doch unter der Maske steckte ein verunsicherter junger Mann, der einen Ausweg aus dem ganzen Schlamassel suchte.

Das plötzliche Aufröhren der Campsirenen ließ den Lieutenant erst zusammen zucken. Dann sprang er auf und suchte den direktesten Weg in sein Lager, denn dort lagen seine Waffen. Die Sirenen heulten unaufhörlich, das Zeichen für einen kurz bevorstehenden Angriff der Vietcong. Unter den Soldaten nannte man sie nur 'Charlies'. Auf dem Weg zu seinem Lager kam dem jungen Soldaten auch sein kommandierender Offizier, Colonel Hayes, entgegen. "Greifen Sie sich ihre Waffe und kommen Sie zur Ostseite", brüllte er ihm im Vorbeilaufen zu. Und schon hörte man die ersten Kugeln fliegen. Ein helles Pfeifen kündigte die Explosionen an, die durch Mörsergranaten verursacht werden würden. Immer noch war er auf dem Weg zu seinem wenigen Hab und Gut. Es begann zu regnen. Der Boden verwandelte sich im Nu in eine Schlammlandschaft. So viel zu seinem freien Tag. Das Laufen in den Stiefeln war schwer auf diesem Boden und immer wieder hörte man Mörser- und Gewehrfeuer.

Nach scheinbar endlosen Minuten endlich gelangte der Lieutenant zu seiner Unterkunft. Etwa fünfzig Meter hinter ihm explodierte ein weiteres Geschoss, welches seine Kameraden fliegend durch die Luft beförderte. Die Schreie brannten sich in seinen Kopf. Er drehte sich nicht um, sondern schritt schnell in das kleine Erdloch, in dem er lebte. Von draußen hörte er weitere Explosionen. Schreie wurden von Gebrüll übertönt. Es war die Hölle, er wusste es. Schnell griff er sich seine Waffen, stopfte alles andere in einen Rucksack. Es war nicht viel. Ein Brief, ein paar Magazine für die Schusswaffen, ein Kamm, ein Buch und eine Kette mit einem Kreuz. Einen Moment verharrte er. Die Kette lag noch immer in seinen Händen. War das der Grund, warum er noch lebte? Hätte er das Kreuz tragen sollen, um endlich seinen Seelenfrieden zu finden? Hatte Gott ihm seinen Wunsch verwehrt, weil er die Kette nicht trug? Doch welcher Gott duldete überhaupt einen solchen Krieg? Er ließ das Kreuz in den Rucksack fallen, hatte er doch immer noch seine sogenannten "Hundemarken" um. Sie mussten reichen.

Nachdem er alles im Rucksack verstaut hatte, befestigte er seine Wasserflasche an seiner Lochkoppel und die paar Granaten, die er in seiner Unterkunft aufbewahrte. Seine Pistole steckte er in das Beinholster, dass er schließlich an seinem Oberschenkel so fest band, dass es nicht mehr verrutschen konnte. Ein paar wenige Magazine schob er in die Taschen seiner Cargohose. Das Scharfschützengewehr schulterte er mit dem Gurt, bevor er sich sein M16 nahm. Alles Handgriffe, die er im Schlaf beherrschte, da er sie jeden Tag benötigte. Als Letztes setzte er den Helm über seine kurzen Haare, doch schon im nächsten Moment schleuderte er ihn wieder weg. Wovor sollte ihn das dämliche Stück Blech schützen? Er schulterte den Rucksack. Die Geräusche von draußen drangen nur gedämpft durch die Tür herein. Er entsicherte das M16 und trat die Tür auf. 'Ostseite', schoss es ihm durch den Kopf. Er hatte gerade einen Schritt vor die Tür gemacht, als ihn die Wucht einer Explosion zu Boden riss. Wie oft war ihm das schon widerfahren? Zu oft. Er rappelte sich auf. In seinen Ohren hörte er das typische "Explosions"-Pfeifen, das jedes andere Geräusch, wie ein Tinitus, zeitweilig unterdrückte. Seine Augen nahmen die verwundeten und teilweise zerfetzten Kameraden zwar wahr, doch sein Gehirn versagte ihm die Realisation. Er konnte diesen Anblick einfach nicht ertragen.

Sein Körper tat nun von selbst das, was man ihm ständig eingetrichtert hatte. Was er seit einem halben Jahr jeden Tag im Dschungel tat. Ein Mensch, wie auf Autopilot. Aus der Ferne gesteuert. Jeder Schritt ließ das dreckige Wasser in alle Richtungen fliegen. Braunes Wasser, versetzt mit sich kräuselndem Rot. Eine glitschige Schlammschicht, die jeden zu Fall bringen konnte. Aus allen Richtungen hörte er Schüsse, Explosionen, Geschrei und die Sirenen. In seinem Kopf schien sich alles zu drehen. Doch zielsicher steuerte er die Ostseite des Lagers an. Wieder beförderte ihn eine Mörsergranate hinunter. Auf den matschigen Boden. Es war nur die Druckwelle, die ihn dort hin brachte. Als er aufsah, kamen ihm dreckige Tropfen entgegen geflogen. Aufgewühlt von Kugeln, die irgendwo vor ihm einschlugen. Mit der linken Hand suchte der junge Offizier sein M16, dass er beim Sturz verloren hatte. Nach wenigen Sekunden fühlte er das kühle Metall an seiner Hand. Im Nu hatte er das Gewehr zu sich geholt und schoss aus dem Liegen auf den unsichtbaren Feind. Nach fünf Schuss rappelte er sich auf und scannte die Gegend mit seinen Augen nach seinem Kommandeur.

Genauso überraschend wie der Angriff begonnen hatte, endete er auch. Von einer Sekunde auf die andere verstummte die Welt. Auch die Sirenen gaben keinen Ton mehr von sich. Stille. Nur vereinzelt konnte man ein leises Stöhnen vernehmen, welches von einem der vielen im Dreck liegenden Körper kam. Dann begann das Gebrüll. "Sanitäter!" Verwirrt sah der Lieutenant, wie um ihn herum Leute durch die Gegend zu rennen begannen. Es regnete immer noch. Der Boden war bedeckt von einer Schlammschicht, die sich immer mehr mit dem Blut der ganzen regungslosen Körper vermischte. Jemand riss den jungen Offizier am Ärmel, um ihm damit zu bedeuten, mitzukommen. Doch er verharrte, registrierte erst jetzt die vielen Toten und Verwundeten am Boden, zwischen denen er stand. Wieder einmal hatte er Glück gehabt. Er hätte mit jeder dieser armen Seelen getauscht, wenn es denn möglich gewesen wäre. Das erneute Zerren an seiner Uniform brachte ihn dieses mal fast zu Fall. Er sah den Mann an, der ihn zum Mitgehen bewegen wollte. "Wir brauchen jede Hilfe, dir wir bekommen können", sah er ihn mehr sagen, als dass er es bewusst hörte. Der Lieutenant hängte sein Gewehr um und folgte dem Sanitäter. Eine Binde am Arm des vorauslaufenden Mannes zeigte, dass er zum medizinischen Personal gehörte. Normalerweise war sie weiß, mit einem roten Kreuz darauf. Doch der Schlamm hatte sie fast vollständig in ein tropfendes Braun verwandelt.

Er folgte dem anderen Mann bis zur Lagergrenze, wo er angewiesen wurde, eine Bandage auf das Bein eines Verwundeten zu pressen. Er kannte den Burschen nicht, aber als er ihm ins Gesicht sah, wusste er, dass er in etwa genauso jung wie er selbst sein musste. Viel zu jung, um hier draußen, fernab der Heimat, zu sterben. Es war alles so sinnlos. Stumm presste er weiter die Bandage auf die Wunde. Er hatte keine Worte, die er zur Aufmunterung sagen konnte. Und ansehen konnte er sich das Ganze auch nicht. Sein Blick blieb an einem Mann hängen, der auf ihn zuschritt. Sein Kommandeur. "Wir brechen sofort auf! Mitkommen", befahl der Colonel seinem Lieutenant. Erst wollte der junge Offizier Widerworte geben, doch ein Nicken des Sanitäters entließ ihn. Daher richtete er sich schnell auf, um dem Colonel zu folgen. Er konnte hören, wie die Hubschrauber ihre Rotoren starteten. Offensichtlich sollten sie den Charlies den Weg abschneiden.

Nach einigen wenigen Minuten saß der junge Offizier mit seinen Kameraden in einem der Hubschrauber, die sich langsam vom Campboden erhoben. Sie würden tief über den Dschungel fliegen. Sehr tief. Und sie würden von oben herab feuern. Er schloss die Augen und sah förmlich die vielen leblosen Körper schon vor sich. Er fragte sich, wann dieser Wahnsinn endlich enden würde. Nicht nur für ihn, sondern für alle Beteiligten. Über den Helikopterlärm konnte er erste Schüsse vernehmen. Er lehnte mit dem Rücken an der Wand und hatte den Kopf zurück gelehnt. Noch immer waren seine Augen geschlossen. Von hier oben konnten nur die schießen, die am Rand der Ladefläche saßen und dazu hatte er nie gezählt. Der Gefechtslärm nahm zu. Der Hubschrauber fing an zu Schlingern. Das sonst so gleichmäßige Geräusch der Rotoren kam nun unregelmäßig. Er riss die Augen auf und konnte außerhalb des Helikopters die Rauchschwaden sehen. Sie würden runter gehen. Im Feindgebiet. Der Pilot war zwar jung, aber schon ein erfahrener Mann. Und genau so brachte er den Vogel auch heil herunter. Zwischen den Bäumen. Auf einer Lichtung. Alle sprangen heraus und stürmten in die vermeintliche Sicherheit zwischen den Bäumen.

Es dauerte nicht lange und sie saßen in der Falle. Ein Hinterhalt. Der Lieutenant hockte neben seinem Colonel. Der Kommandeur hatte seinen jungen Vertreter um Rat gefragt. Verzweiflung pur war aus den Augen des Ranghöchsten zu lesen. Und dann tat der Colonel das, was niemand für möglich hielt. Der junge Mann neben ihm war genauso unvorbereitet wie der Rest der kleinen Gruppe. Alle sahen den Kommandeur seine Waffe an seinen eigenen Kopf setzen und abdrücken. Nun war es an dem Lieutenant als ranghöchstem Offizier, die Gruppe zu führen. Er schloss die Augen. Wie, um alles in der Welt, hatte er in eine solche Situation geraten können? War er überhaupt in der Lage diese Gruppe zu führen? Natürlich war er, sonst wäre er wohl kaum auf den Rang eines Lieutenants gekommen. Unsicherheit machte sich bei ihm breit, doch er durfte sie keineswegs zeigen. Es würde das gesamte Chaos nur noch verschärfen. Wieder hatte man ihn förmlich allein gelassen, wieder einmal war er auf sich gestellt. Nur dieses Mal hing von ihm das Leben seiner Truppe ab. Die Frage war, wie er mit dem Druck umgehen konnte. Er ließ den Funker zu sich kommen, nur um festzustellen, dass das Funkgerät beim Absturz beschädigt worden war. Eines war für ihn klar: er würde nicht herumsitzen und darauf warten, dass die Charlies seine Kameraden abschlachteten oder gefangen nahmen.

Das Lager lag einige Kilometer südlich ihrer jetzigen Position. Der Lieutenant suchte sich die drei besten Schützen der Truppe heraus und teilte dem Rest mit, dass sie einfach laufen sollten. Um ihr Leben. Zurück zum Camp. Er würde mit seinem kleinen Trupp die Nachhut bilden und den Feind beschäftigen. Ihm war klar, dass er ein großes Risiko einging, dass er und sein kleiner Trupp dieses Unterfangen nicht überleben würden. Aber wenn es wenigstens ein paar Leben rettete, dann war es das Risiko wert. Mit ein paar kurzen präzisen Befehlen hatte er seine kleine Gruppe positioniert und den Rest schon mal in Richtung des Lagers los geschickt. Der junge Offizier kauerte auf einer kleinen Anhöhe im Matsch. Er lag auf dem nassen Boden, konnte den faulen Geruch von verwesten Pflanzen in seiner Nase spüren. Das M16 hatte er sich umgehängt und gegen sein Scharfschützengewehr eingetauscht. Er würde die Speerspitze sein. Auf sich allein gestellt, wie immer in seinem Leben. Von allen verlassen, die ihm etwas bedeutet hatten oder zu denen er aufgeschaut hatte. Umgeben von drei jungen Männern, die um ihr Leben fürchteten und nun zu ihm aufsahen. Als ihrem Anführer. Er war in der Verantwortung, wie schon so häufig in seinem eigenen jungen Leben.

Eine Bewegung ließ ihn in seinen Gedanken erstarren. Sollte er diese Chance ergreifen und sich einfach erschießen lassen? Nein, er konnte seine drei Kameraden nicht im Stich lassen. Er konnte nicht einfach das tun, was alle anderen ihm immer wieder antaten. Trotzdem zögerte er. Es wäre eine einmalige Gelegenheit dem Leben zu entfliehen. Sein innerer Konflikt sollte nicht lange andauern, denn als eine Gestalt direkt vor ihm auftauchte und auf ihn zu treten drohte, riss er in einer eleganten Bewegung sein Messer aus der Halterung und erledigte den Mann fast lautlos. Einprogrammierte Reaktionen. Er steckte das Messer wieder weg, nahm sein Gewehr und rannte los. Nur ein paar Meter weit war er gekommen, als es Kugeln zu regnen begann. Wie ein Hase auf der Flucht schlug der Lieutenant Haken, um schließlich über einen umgestürzten Baum zu hechten und sich dort Deckung zu suchen.
Seine drei Kameraden verhielten sich noch ruhig, was Teil des Plans war. Und bisher lief alles nach Plan. Vielleicht nicht ganz hundertprozentig, aber dennoch schien alles so weit in Ordnung zu sein. Der junge Scharfschütze nahm sein Gewehr nun entschlossener zur Hand und suchte sich eine brauchbare Stelle am Baumstamm. Aus dem Liegen heraus würde er die Vietcong beschäftigen und alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Er war der Köder, den der Feind nur zu schlucken brauchte. Und er hoffte inständig, dass dies auch geschehen würde. Ob er lebend aus der Sache heraus kam, war ihm egal. Wie oft hatte er die Entscheidung bereut, zur Army gegangen zu sein? Zu oft und doch niemals. Er hatte gedacht, der Einsamkeit so entfliehen zu können, doch es war, wie so häufig, ein Trugschluss gewesen. Er begann zu schießen. Jeder Schuss hallte durch den Dschungel.

Das Gefecht, das er sich nun mit den "Charlies" lieferte, ließ ihn seine Gedanken abschalten. Jetzt zählte nur, dass der Plan funktionierte. Dass seine Truppe heil ins Lager zurückkehrte. Dass er die Situation unter Kontrolle behielt. Er schoss, nun mit dem M16, und aus irgendeinem Grund fühlten sich seine Hände taub an. Nein, sein ganzer Körper schien gefühllos. Er nahm seine Umgebung gar nicht mehr richtig wahr. Warum, konnte er sich selbst nicht beantworten, bis schließlich alles schwarz um ihn herum wurde. Die Erkenntnis, dass es ihn endlich erwischt hatte, ließ ihn lächeln. Aber würde nun wirklich alles vorbei sein?

einige Tage später

Die Stille um ihn herum wurde nur durch ein leises Flüstern durchbrochen. Engel? War er im Himmel? Oder warum fühlte er sich so wahnsinnig leicht und glaubte zu schweben? Langsam aber sicher merkte er, dass er besser hören konnte, denn er konnte das leise Tuscheln zwei Personen zuordnen. Offenbar war es sein Schicksal auf Erden zu verweilen. Er wollte die Augen öffnen, doch die Lider waren so schwer, dass es zu einer richtigen Anstrengung erwuchs. Trotzdem wollte er wissen, wer sich neben ihm befand und nach einer gefühlten Ewigkeit schaffte er es. Das grelle Licht blendete ihn, doch er widerstand dem Drang, die Augen zuzukneifen. Zuerst konnte er nur Schemen erkennen, doch langsam wurde das Bild klarer. Die Stimmen neben ihm waren verstummt und eine leichte Panik beschlich ihn. Hatten sie ihn wieder allein gelassen? Wahrscheinlich.

Gedanklich führte er einen Zustandscheck durch. Offensichtlich befand er sich in einem Lazarett, jedenfalls fühlte sich das einigermaßen harte Bett so an. Lediglich der Stoffbezug  ließ etwas Weiches erahnen, genau wie die dünne Decke, die er über seinem Körper spürte. Seine Beine schienen, ähnlich seinen Augenlidern, schwer wie Blei zu sein, doch er konnte sie unter großer Anstrengung bewegen. Die Arme ebenso. Das war ein gutes Zeichen. Behutsam drehte er den Kopf und stellte erschreckt fest, dass die beiden Personen neben seinem Bett lediglich verstummt waren und ihn interessiert beobachteten. Eigentlich wollte er etwas sagen, doch nicht mal ein Krächzen bekam er heraus. Einen Moment lang musterte er die beiden Personen. Einer trug eine Uniform, mit den Abzeichen eines Colonels, der Andere musste ein Arzt sein, denn er hatte einen weißen Kittel an.
„Verdammt, Smith! Sie haben mich schon wieder um zwanzig Mücken betrogen“, stellte der Doktor lächelnd fest, erhob sich, drückte dem weißhaarigen Colonel zwanzig Dollar in die Hand und verschwand. Es dauerte einen Moment, bis schließlich der ranghöhere Offizier das Wort ergriff: „Lieutenant Peck? Sobald Sie hier raus sind, melden Sie sich in meinem Büro.“ Der Lieutenant kam sich wie in einem schlechten Film vor. Noch ehe er über eine Antwort nachdenken konnte, war sein neuer Kommandeur schon wieder verschwunden. Der Name geisterte durch sein Hirn. Smith? Colonel? Doch nicht etwa der Colonel Smith? Der, den alle Hannibal nannten? Der junge Mann schloss die Augen und aus irgendeinem Grund hatte er ein gutes Gefühl. Freute er sich auf sein neues Team? Sollte er dort wieder enttäuscht werden? Nein, er wusste, dass dieses Mal alles gut sein würde. Mit diesem Gedanken schlief er lächelnd ein. Endlich zuhause.
 

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